Freitag, 7. November 2014

Einleben in Ghana und das leidige Thema Ebola

Hallo an alle! Hier ein kleines Update über meine Arbeit und mein Leben im Projekt.

Ich fühle mich nach eingier Zeit nun ein wenig angekommen und einiges hier wirkt schon relativ normal. Von Tanoso, der Teil von Kumasi in dem ich wohne, bin ich wirklich begeistert! Es gibt hier für ghanaische Verhältnisse viel Auswahl an den ganzen Ständen und es ist einfach ein belebtes Viertel, mit netten Leuten die ich kennengelernt habe. Ob ich mich allerdings an die häufigen „Obroni“-Rufe gewöhnen werde kann ich noch nicht sagen. Als Weißer fällt man eben immer auf.
Die Verhältnisse in der Schule sind im Vergleich ja auch ziemlich gut, mit meinem Zimmer bin ich zum Beispiel sehr zufrieden. Einige Lehrer sind sehr freundlich, ja selbst die Situation mit dem Koordinator wird laufend besser! Es ist fast schon gruselig, wenn er zu uns sagt „You are very precious to me…“ oder „ I love you people…“, wenn er uns igendetwas mitteilen möchte. Nachdem in unserem Gebäude 5 Tage kein Strom war, da der Credit aufgebraucht wurde, hat er sich relativ schnell gekümmert. Wir kommen nun sogar an Post, da die Schule ihre Rechnungen für das Fach bezahlt hat. Jedenfalls fühle ich mich nicht mehr ganz so unwohl, wenn ich etwas brauche.

Meine Arbeit ist nach wie vor dieselbe. Sir Ben im Unterricht assistieren, Hausaufgaben korrigieren, fragen beantwortet, aufpassen das sich die Kinder nicht gegenseitig umbringen und auch mal, besonders in den ersten Klassen anstrengend, wie ich festgestellt habe, unterrichten. Einerseits ist es gut, das mir dabei noch ein Lehrer zur Seite steht, mit dem ich mich übrigens ganz gut verstehe, andererseits unterbricht dieser auch oft, was nervig sein kann, und macht dann selbst weiter. Es ist mal eine ganz interessante Erfahrung, aber wohl nichts auf Dauer. Leztens waren Midterm-Exams, bei denen ich die Fragen vorbereitet, korrigiert und die Ergebnisse der Schüler mit Position in der Klasse in eine Liste eingetragen habe. Letzteres finde ich allerdings etwas fragwürdig. Sollte man bei den Schülern wirklich so Druck machen, mehr zu lernen? Wird dadurch nicht ein Konkurrenzkampf ausgelöst? Was bringt das eigentlich? So richtig überzeugt bin ich jedenfalls nicht. Aber dadurch hatte ich ein bisschen was zu tun.

Eine ziemlich skurrile Szene gab es dabei auch: Es gab einen „Indomie“ Day in der Schule. Indomie ist ein Nudelgericht aus Indonesien, das man hier überall kaufen kann und wir uns auch manchmal selber kochen. An dem Tag liefen quasi Verkaufsveranstaltungen in allen Grundschulklassen. Es interessierte auch nicht ob gerade Exams geschrieben wurden. „Mama Idomie“ hat den Kindern einen amüsanten Song beigebracht und erklärt, welche Vitamine und Proteine so alles im Indomie zu finden sind und worzu man die eigentlich braucht. Auch diese Aktion fand ich ziemlich fragwürdig. Muss das in den Grundschulklassen wirklich sein? Und dafür die Examen unterbrochen werden? Für die Lehrer gab es auch Gratis-Indomie, da habe ich natürlich auch nicht nein gesagt, skurril fand ich das Ganze trotzdem.

Nach den Examen gab es dann eine Woche Ferien, die ich entspannt im Projekt verbracht habe. Die erste Reise steht im Dezember an. Es hat mich sehr an die ersten paar Tage im Projekt erinnert, als auch noch Ferien waren…Es war alles sehr still und nur die 8 Kids aus Guinea waren da, die für die Zeit wieder auf unsere Etage gezogen sind.

Nach den Abschlussexamen des ersten Terms im Dezember, die hoffentlich nicht durch Indomie Werbung unterbrochen werden, habe ich glaube ich erstmal genug vom Französischunterricht und möchte etwas anderes ausprobieren. Ich werde mal in der Nursery, wo die Kleinkinder sind, vorbeischauen und dann vielleicht im ICT Unterricht helfen (Computerunterricht), aber genaues steht da noch nicht fest. Es hat also auch etwas Gutes, keine bestimmte Aufgabe zu haben, da ich mir so alles anschauen kann. Hin und wieder wünsche ich mir aber schon, als Freiwilliger mehr gebraucht zu werden und sinnvolleres im Projekt zu leisten. Aber das kann ja auch noch kommen.



Zur Ebolasituation

Eine Sache bremst mich derzeit aber ein wenig aus: Nämlich die Tatsache, so haben wir bei einem Treffen mit William vom ICYE erfahren, dass keine neuen Freiwilligen im Februar kommen sollen. Scheinbar hat sich in Finnland, Dänemark, Schweden, der Schweiz, Österreich, Island, Japan und Deutschland nicht eine einzige Person für das Gastland Ghana beworben. Schuld hat, sehr wahrscheinlich, Ebola.

Auch wenn es mich am Anfang vielleicht ein bisschen verunsichert hat, so habe ich gemerkt, dass die Situation in Ghana nicht gefährlicher ist als in anderen Ländern.

Ghana ist nicht betroffen und Sierra Leone und Guinea sind verhältnismäßig weit weg, obwohl es noch Westafrika ist. Die Entfernungen hier sind groß. Zu Westafrika gehören noch viele andere Länder, die alle nicht betroffen sind. Nigeria z.B. ist auch wieder Ebola frei. Wenn, kann Ebola Ghana vor allem über den Flugweg erreichen, aber das kann auch anderswo passieren. Mal abgesehen davon, dass es ja Kontrollen gibt. Schon die zeigen, sowie die Präsenz des Themas in den hiesigen Medien, dass die Regierung die Gefahr ernst nimmt und für den Ernstfall vorbereitet ist. Es ist, also würde Ghana auf Ebola warten! Es wurde so z.B. vorsorglich eine Quarantänestation gebaut, in Accra soll sogar eine Koordinierungsstelle für ganz Westafrika errichtet werden. Doch das Thema ist auch deutlich zur Bevölkerung durchgedrungen: Ich habe schon viele Gespräche darüber geführt, z.B. mit Lehrern. Alle sind besorgt, aber haben meiner Meinung nach einfach einen gesunden Respekt vor dem Virus. Selbst die Kinder haben das Wort Ebola schon aufgeschnappt.

Ich möchte nichts herunterspielen. Ja, Ebola ist ernst zu nehmen. Ja, Ebola ist gefährlich. Auch wenn die Todeszahlen im Verhältnis zu der Anzahl von an Malaria sterbenden Menschen noch gering erscheint, sie sind erschreckend. Aber ich vermute, dass die große Präsenz in den Medien, vor allem in Europa, eine gewisse Panik verbreitet, die dafür sorgt, dass die Menschen ein verzerrtes Bild von der Situation in Westafrika haben. In Deutschland waren bis jetzt jedenfalls mehr Ebolapatienten als in Ghana.

Sollte der Fall tatsächlich eintreten und Ghana sollte betroffen werden, so werden die weltwärts-Freiwilligen direkt zurückgerufen; sofern es mehr als ein Fall ist, der direkt isoliert werden kann. Ich vermute, dass die Angst bei den Freiwilligen besteht, deshalb abbrechen zu müssen und sie dieses Risiko nicht eingehen wollen.

Ich kann nur sagen, dass ich mich derzeit sicher fühle und mir keine zu großen Sorgen mache, das Ebola Ghana erreicht. Es wäre für mich jedenfalls kein Grund, nicht herzukommen. Die Erfahrungen sind es wert! Mal ganz davon zu schweigen, dass dies viele Projekte treffen wird, in denen von Freiwilligen gute angefangene Arbeit (z.B. Deutschunterricht) nicht fortgeführt werden kann, und das ist wirklich schade.

Ich bin vor allem unsicher, weil das bedeutet, dass keine neuen Freiwilligen in mein Projekt kommen werden und ich hier ab Februar sechs Monate alleine wäre. Ich habe zwar Kontakte zu Ghanaern geknüpft, aber ich finde den Austausch mit einem Mitfreiwilligen ziemlich wichtig, und möchte im Projekt nicht allem alleine gegenüber stehen. Auch ein Filmprojekt und eine Streichaktion werden ganz alleine viel schwerer fallen. Und falls die Situation mit dem Koordinator wieder schlechter wird? Vielleicht gibt es die Möglichkeit, zueinander zu wechseln, damit keiner alleine ist. Aber das ist auch keine ideale Lösung, da mich Tanoso ja sehr begeistert und ich hier nun einige Leute kenne. Nochmal woanders komplett neu anzukommen wäre nicht gerade toll für mich. Da die Schule nur männl. Freiwillige aufnimmt, von denen kein anderer alleine wäre, kann auch niemand herkommen. So ein Problem stand vorher natürlich gar nicht auf der Liste von Dingen, die schief gehen könnten! Bisher ist mir also leider noch keine rechte Lösung eingefallen, aber ich versuche mich erstmal nicht verrückt zu machen.



So viel erst mal zu dem Thema. Diese fünf Tage sind derzeit besonders mit Heimweh belastet, die meisten werden wissen, warum! Die von mir sehr geliebte Allerheiligen Kirmes in Soest, Nr. 677, muss ohne mich stattfinden! Hin und wieder mal ein Blick auf die Live Webcam im Internet zeigt, was mir entgeht…Aber ich wünsche allen Kirmesgängern viel Freude, feiert ordentlich und trinkt ein Bullenauge für mich mit! J

Liebe Grüße aus Tanoso, in dem es immer wärmer zu werden scheint, und bis zum nächsten Eintrag!


Joel J

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen