Donnerstag, 9. Oktober 2014

Die ersten Wochen im Projekt

Nun bin ich tatsächlich schon seit 43 Tagen in Ghana und es wird mal Zeit für einen neuen Eintrag!

Dass ich mir Zeit damit gelassen habe, hat auch einen Grund- die Situation mit dem Koordinator im Projekt ist etwas angespannt und es ist einiges vorgefallen, aber dazu später mehr.

Nach ein paar Wochen kann ich sagen, dass der Start hier nicht allzu leicht ist, aber es doch einiges gibt, das mich fasziniert. Dazu zählt zum Beispiel die Landschaft. An einem Wochenende sind wir zum Lake Bosomtwi gefahren, der angeblich durch einen Meteoriteneinschlag entstanden ist. An dem Tag als wir dort waren war es relativ leer und damit sehr entspannt, wir haben auch einige Freiwillige getroffen und so also auch eine gute Gelegenheit zum Austauschen bekommen. Das Wetter war perfekt, die Landschaft mit umliegenden Bergen sehr schön anzusehen, es war gemütlich unter Palmen eine Kokosnuss zu schlürfen  und auch das Wasser war angenehm. Der Plan steht, dort noch einmal hinzufahren und weitere Wochenendtrips zu starten!
Desweiteren gefällt mir die Freundlichkeit und Offenheit vieler Menschen (natürlich längst nicht von allen). Gehe ich morgens die Straße runter um mir etwas zum Frühstücken zu holen, werde ich von der Kochbananenverkäuferin gegrüßt -machmal schenkt sie mir auch eine Kleinigkeit wie eine Tüte Erdnüsse-, ich werde oft gefragt wie es mir geht und an meinem Stamm-Egg-and-Bred-Stand freundlich empfangen. Auch wenn es auf Dauer doch sehr teuer ist, ständig außerhalb zu essen...Das Schulessen ist allerdings nicht sehr abwechslungsreich bzw. übermäßig lecker, es müssen schließlich ca. 400 Kinder satt werden. Ich habe über Richi und Carl außerdem schon ein paar Leute kennengelernt, wie Bonney und Samuel, die neben der Schule wohnen und die wir oft abends in der Bar treffen.

Probleme hatte ich am Anfang besonders mit dem Magen; insgesamt ist das Essen sehr gewöhnungsbedürftig: die Bakterien sind ungewohnt und es ist alles extrem scharf! Ich habe allerdings mittlerweile ein paar Dinge gefunden die ich gut vertrage, aber richtige ghanaische Gerichte wie Fufu finde ich immer noch etwas merkwürdig. Ich habe auch gehört, dass sogar Hunde und Katzen gegessen werden, von Katzen gerne Augen und Gehirn. Das habe ich aber zum Glück noch nicht gesehen und weiß auch nicht ob es tatsächlich stimmt.

Doch nun einmal zu meiner Arbeit im Projekt: Hier habe ich leider noch keine richtige Aufgabe gefunden. Bisher begleite ich von 8-12 Uhr einen Französischlehrer (Sir Ben aus der Elfenbeinküste) und schaue ihm beim Unterrichten in den Klassen 1-3 zu. Oft korrigiere ich Hausaufgaben oder übernehme sogar mal für eine kurze Zeit den Unterricht. So wurde in der ersten Stunde mein Horrorszenario wahr und der Lehrer verschwand nach 5 Minuten für den Rest der Stunde. Ich bin dann weiter das Alphabet mit den Kindern durchgegangen, war aber so ganz unvorbereitet etwas überfordert. So lange musste ich seit dem aber nicht mehr übernehmen. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich Französisch unterrichten würde, ich hätte es nicht glauben wollen…Manche können sich vielleicht denken warum. Der Unterricht selbst unterscheidet sich wie erwartet sehr von dem in Deutschland. Mein Hauptproblem war am Anfang besonders, dass die Kinder geschlagen werden. Das wusste ich zwar vorher, allerdings ist es nochmal etwas anderes, das mit eigenen Augen zu sehen. Oft scheint es nur ein Spielchen zwischen dem Lehrer und den Schülern zu sein; die Kinder provozieren es und lachen darüber. Allerdings eben nicht immer...Besonders sauer werde ich, wenn Kinder bestraft werden, weil sie etwas nicht wissen. Im Vergleich zu anderen Schulen ist es hier wohl aber noch ok und so gibt es auch hin und wieder Stunden, in denen niemand geschlagen wird. Ich versuche zu verstehen, dass es hier nun einmal andere Methoden gibt, die ich vielleicht nicht nachvollziehen kann, die aber für Schüler und Lehrer hier normal sind. Nicht zu vergessen, dass es auch in Deutschland eine Zeit gab, in der dies zur Normalität gehörte. Dennoch werde ich den Lehrer irgendwann mal ansprechen und nachhaken, warum er genau schlägt. Die Kinder wissen allerdings, dass ich den Stock nicht benutze und dementsprechend verhalten sie sich auch manchmal, wenn der Lehrer nicht im Raum ist. Damit versuche ich auch noch umzugehen. Ansonsten läuft es oft so ab, dass der Lehrer etwas vorsagt und die Kinder es stumpf nachsagen. Eine „Schüler-Lehrer-Beziehung“ entsteht natürlich auch nicht. Das sind alles Dinge, an die ich mich erst mal gewöhnen muss.

Daneben habe ich aber eben nicht sehr viel zu tun, was der Schulleitung relativ egal ist. Mir war klar, dass vieles von einem selber ausgehen muss, aber etwas mehr Unterstützung hätte ich mir schon gewünscht. Daher versuche ich bald mein Streichprojekt in die Tat umzusetzen und auch eine Film bzw. Theater AG ins Leben zu rufen.

Doch hier liegt gerade das Problem: Mit derartigem sollte man sich eigentlich an den Koordinator wenden. Mit diesem lässt sich allerdings gerade gar nicht reden. Es gibt wohl schon sehr lange Probleme zwischen ihm und Freiwilligen, da er sie nicht wirklich respektiert und einem nicht zuhört. Als Carl und Richi deshalb eine Mail an die Schulbesitzerin in den USA geschickt haben, deren Enkel der Koordinator ist, ist die Situation etwas eskaliert. Er hat sich angegriffen gefühlt und hat daraufhin Richi und Carl beim ICYE gemeldet und, so muss auch ich zugeben, sehr interessante Dinge behauptet. Nach vielen Diskussionen auch mit dem Direktor und mit William vom ICYE musste Carl dann das Projekt verlassen, ohne gegen eine Regel verstoßen zu haben (zwei Tage nach seinem Geburtstag, der eigentlich sehr sehr schön war!). Aber auch er wollte sich nicht mehr mit dem Koordinator auseinandersetzen und ist nun froh, ein neues Projekt gefunden zu haben, in dem er die letzten Monate verbringen wird. Unser Koordinator bzw. „Ansprechpartner“, der  der Accountant ist und sich um finanziellen Angelegenheiten der Schule kümmert, ist übrigens auch bei den Ghanaern hier nicht sehr beliebt und hat meiner Meinung nach zu viel Macht (mehr als der Direktor). So konnte er letztens drei Lehrer entlassen, ohne ihnen einen Grund zu nennen. Das System von Autorität in Ghana unterscheidet sich eben auch sehr von dem in Deutschland, es geht vieles über das Alter. Aber das stößt auch hier teilweise auf Ablehnung und es war schön zu sehen, wie solidarisch viele Ghanaer wie Bonney und Samuel und noch einige weitere waren und welche Ideen sie entwickelt bzw. was sie in Bewegung gesetzt haben, um in dieser Situation zu helfen- auch, wenn alles etwas anders gekommen ist als gedacht. Dass der Koordinator uns nun nicht mal mehr grüßt, sondern wegschaut, finde ich um ehrlich zu sein doch ziemlich kindisch.

Ich habe eigentlich keine Lust, mir das die nächsten 11 Monate anzutun, allerdings gefällt es mir sonst gut und ich möchte das Projekt nicht wechseln, falls das überhaupt möglich ist. Also bleibe ich erstmal mit Richi hier, mit dem ich mich gut verstehe, und hoffe, dass sich die Lage etwas entspannt. Ich möchte nicht überstürzt handeln. Außerdem wenden wir uns bei Fragen und Problemen nun an den Direktor, sofern das möglich ist. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass der erste Monat im Projekt nicht aufregend war! Ansonsten versuche ich mich an die weiteren Gegebenheiten ein wenig zu gewöhnen und viel von dem zu sehen, was mich fasziniert.

So, der Eintrag ist jetzt doch ziemlich lang geworden und mehr möchte ich euch für den Moment nicht zumuten! Ich muss mir ja auch noch was für die nächsten Einträge aufheben!

Allerdings möchte ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich erwähnen, dass meine geschilderten Eindrücke natürlich sehr subjektiv sind und nicht aufzeigen können, wie „das Leben“ in Ghana, geschweige denn in Afrika, abläuft. Ich berichte von meinen persönlichen Erfahrungen; jemand anders hat vielleicht auch andere Gedanken zu manchen Themen. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht versuche alles möglichst realistisch wiederzugeben!

In diesem Sinne Grüße aus dem ca. 30 Grad warmen Ghana ins bestimmt etwas kältere Deutschland!


Bis dann! J