Die ersten Wochen im Projekt
Nun bin ich
tatsächlich schon seit 43 Tagen in Ghana und es wird mal Zeit für einen neuen
Eintrag!
Dass ich mir Zeit
damit gelassen habe, hat auch einen Grund- die Situation mit dem Koordinator im
Projekt ist etwas angespannt und es ist einiges vorgefallen, aber dazu später
mehr.
Nach ein paar
Wochen kann ich sagen, dass der Start hier nicht allzu leicht ist, aber es doch
einiges gibt, das mich fasziniert. Dazu zählt zum Beispiel die Landschaft. An
einem Wochenende sind wir zum Lake Bosomtwi gefahren, der angeblich durch einen
Meteoriteneinschlag entstanden ist. An dem Tag als wir dort waren war es
relativ leer und damit sehr entspannt, wir haben auch einige Freiwillige
getroffen und so also auch eine gute Gelegenheit zum Austauschen bekommen. Das
Wetter war perfekt, die Landschaft mit umliegenden Bergen sehr schön anzusehen,
es war gemütlich unter Palmen eine Kokosnuss zu schlürfen und auch das Wasser war angenehm. Der Plan
steht, dort noch einmal hinzufahren und weitere Wochenendtrips zu starten!
Desweiteren gefällt
mir die Freundlichkeit und Offenheit vieler Menschen (natürlich längst nicht
von allen). Gehe ich morgens die Straße runter um mir etwas zum Frühstücken zu
holen, werde ich von der Kochbananenverkäuferin gegrüßt -machmal schenkt sie
mir auch eine Kleinigkeit wie eine Tüte Erdnüsse-, ich werde oft gefragt wie es
mir geht und an meinem Stamm-Egg-and-Bred-Stand freundlich empfangen. Auch wenn
es auf Dauer doch sehr teuer ist, ständig außerhalb zu essen...Das Schulessen
ist allerdings nicht sehr abwechslungsreich bzw. übermäßig lecker, es müssen
schließlich ca. 400 Kinder satt werden. Ich habe über Richi und Carl außerdem
schon ein paar Leute kennengelernt, wie Bonney und Samuel, die neben der Schule
wohnen und die wir oft abends in der Bar treffen.
Probleme hatte ich
am Anfang besonders mit dem Magen; insgesamt ist das Essen sehr
gewöhnungsbedürftig: die Bakterien sind ungewohnt und es ist alles extrem
scharf! Ich habe allerdings mittlerweile ein paar Dinge gefunden die ich gut
vertrage, aber richtige ghanaische Gerichte wie Fufu finde ich immer noch etwas
merkwürdig. Ich habe auch gehört, dass sogar Hunde und Katzen gegessen werden,
von Katzen gerne Augen und Gehirn. Das habe ich aber zum Glück noch nicht
gesehen und weiß auch nicht ob es tatsächlich stimmt.
Doch nun einmal zu
meiner Arbeit im Projekt: Hier habe ich leider noch keine richtige Aufgabe
gefunden. Bisher begleite ich von 8-12 Uhr einen Französischlehrer (Sir Ben aus
der Elfenbeinküste) und schaue ihm beim Unterrichten in den Klassen 1-3 zu. Oft
korrigiere ich Hausaufgaben oder übernehme sogar mal für eine kurze Zeit den
Unterricht. So wurde in der ersten Stunde mein Horrorszenario wahr und der
Lehrer verschwand nach 5 Minuten für den Rest der Stunde. Ich bin dann weiter
das Alphabet mit den Kindern durchgegangen, war aber so ganz unvorbereitet
etwas überfordert. So lange musste ich seit dem aber nicht mehr übernehmen.
Hätte mir vorher jemand gesagt, dass ich Französisch unterrichten würde, ich
hätte es nicht glauben wollen…Manche können sich vielleicht denken warum. Der
Unterricht selbst unterscheidet sich wie erwartet sehr von dem in Deutschland.
Mein Hauptproblem war am Anfang besonders, dass die Kinder geschlagen werden.
Das wusste ich zwar vorher, allerdings ist es nochmal etwas anderes, das mit
eigenen Augen zu sehen. Oft scheint es nur ein Spielchen zwischen dem Lehrer
und den Schülern zu sein; die Kinder provozieren es und lachen darüber.
Allerdings eben nicht immer...Besonders sauer werde ich, wenn Kinder bestraft
werden, weil sie etwas nicht wissen. Im Vergleich zu anderen Schulen ist es
hier wohl aber noch ok und so gibt es auch hin und wieder Stunden, in denen
niemand geschlagen wird. Ich versuche zu verstehen, dass es hier nun einmal
andere Methoden gibt, die ich vielleicht nicht nachvollziehen kann, die aber für
Schüler und Lehrer hier normal sind. Nicht zu vergessen, dass es auch in
Deutschland eine Zeit gab, in der dies zur Normalität gehörte. Dennoch werde
ich den Lehrer irgendwann mal ansprechen und nachhaken, warum er genau schlägt.
Die Kinder wissen allerdings, dass ich den Stock nicht benutze und
dementsprechend verhalten sie sich auch manchmal, wenn der Lehrer nicht im Raum
ist. Damit versuche ich auch noch umzugehen. Ansonsten läuft es oft so ab, dass
der Lehrer etwas vorsagt und die Kinder es stumpf nachsagen. Eine
„Schüler-Lehrer-Beziehung“ entsteht natürlich auch nicht. Das sind alles Dinge,
an die ich mich erst mal gewöhnen muss.
Daneben habe ich
aber eben nicht sehr viel zu tun, was der Schulleitung relativ egal ist. Mir
war klar, dass vieles von einem selber ausgehen muss, aber etwas mehr
Unterstützung hätte ich mir schon gewünscht. Daher versuche ich bald mein
Streichprojekt in die Tat umzusetzen und auch eine Film bzw. Theater AG ins
Leben zu rufen.
Doch hier liegt
gerade das Problem: Mit derartigem sollte man sich eigentlich an den
Koordinator wenden. Mit diesem lässt sich allerdings gerade gar nicht reden. Es
gibt wohl schon sehr lange Probleme zwischen ihm und Freiwilligen, da er sie
nicht wirklich respektiert und einem nicht zuhört. Als Carl und Richi deshalb
eine Mail an die Schulbesitzerin in den USA geschickt haben, deren Enkel der
Koordinator ist, ist die Situation etwas eskaliert. Er hat sich angegriffen
gefühlt und hat daraufhin Richi und Carl beim ICYE gemeldet und, so muss auch
ich zugeben, sehr interessante Dinge behauptet. Nach vielen Diskussionen auch
mit dem Direktor und mit William vom ICYE musste Carl dann das Projekt verlassen,
ohne gegen eine Regel verstoßen zu haben (zwei Tage nach seinem Geburtstag, der
eigentlich sehr sehr schön war!). Aber auch er wollte sich nicht mehr mit dem
Koordinator auseinandersetzen und ist nun froh, ein neues Projekt gefunden zu
haben, in dem er die letzten Monate verbringen wird. Unser Koordinator bzw. „Ansprechpartner“,
der der Accountant ist und sich um
finanziellen Angelegenheiten der Schule kümmert, ist übrigens auch bei den
Ghanaern hier nicht sehr beliebt und hat meiner Meinung nach zu viel Macht
(mehr als der Direktor). So konnte er letztens drei Lehrer entlassen, ohne
ihnen einen Grund zu nennen. Das System von Autorität in Ghana unterscheidet
sich eben auch sehr von dem in Deutschland, es geht vieles über das Alter. Aber
das stößt auch hier teilweise auf Ablehnung und es war schön zu sehen, wie
solidarisch viele Ghanaer wie Bonney und Samuel und noch einige weitere waren
und welche Ideen sie entwickelt bzw. was sie in Bewegung gesetzt haben, um in
dieser Situation zu helfen- auch, wenn alles etwas anders gekommen ist als
gedacht. Dass der Koordinator uns nun nicht mal mehr grüßt, sondern wegschaut,
finde ich um ehrlich zu sein doch ziemlich kindisch.
Ich habe eigentlich
keine Lust, mir das die nächsten 11 Monate anzutun, allerdings gefällt es mir
sonst gut und ich möchte das Projekt nicht wechseln, falls das überhaupt
möglich ist. Also bleibe ich erstmal mit Richi hier, mit dem ich mich gut
verstehe, und hoffe, dass sich die Lage etwas entspannt. Ich möchte nicht
überstürzt handeln. Außerdem wenden wir uns bei Fragen und Problemen nun an den
Direktor, sofern das möglich ist. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass der
erste Monat im Projekt nicht aufregend war! Ansonsten versuche ich mich an die
weiteren Gegebenheiten ein wenig zu gewöhnen und viel von dem zu sehen, was
mich fasziniert.
So, der Eintrag ist
jetzt doch ziemlich lang geworden und mehr möchte ich euch für den Moment nicht
zumuten! Ich muss mir ja auch noch was für die nächsten Einträge aufheben!
Allerdings möchte
ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich erwähnen, dass meine geschilderten
Eindrücke natürlich sehr subjektiv sind und nicht aufzeigen können, wie „das
Leben“ in Ghana, geschweige denn in Afrika, abläuft. Ich berichte von meinen
persönlichen Erfahrungen; jemand anders hat vielleicht auch andere Gedanken zu
manchen Themen. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht versuche alles möglichst
realistisch wiederzugeben!
In diesem Sinne
Grüße aus dem ca. 30 Grad warmen Ghana ins bestimmt etwas kältere Deutschland!
Bis dann! J
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